

Kernfamilienzeit
Unsere vier Kinder wurden in den Jahren 1995 bis 2000 geboren. Das war äußerst sportlich, aber damals passte das eben einfach: wir hatten Eigentum, ein gutes Einkommen, reichlich Kraft und viel Idealismus, weshalb wir diese Zeit halbwegs gut gemeistert haben. Natürlich waren diese Jahre anstrengend und für Zweisamkeit und eigene Bedürfnisse gab es fast keinen Raum. Aber wir lebten unsere Vision von der eigenen Großfamilie, die uns durchhalten ließ und Hoffnung auf entspanntere Zeiten gab. Unterstützung hatten wir keine, zumindest nicht seitens der Familie. Die Großeltern waren noch berufstätig bzw. mehrere Monate im Jahr in Andalusien unterwegs. und mehr Familie gab es nicht. Manchmal hatten wir Babysitter, manchmal kamen Frauen aus der Kirchengemeinde, um zu helfen. Wir leisteten uns zeitweise eine Putzhilfe, um nicht im Chaos zu versinken. Es war herausfordernd, aber wir waren glücklich!
Erste Baustellen taten sich mit Beginn der Schulzeit auf. Ein Kind mobbte, ein anderes wurde gemobbt und wieder ein anderes musste zurückgesetzt werden, da es die erforderlichen Leistungen nicht erbringen konnte. Das waren die Situationen, in denen wir lernten, uns hinter oder vor unsere Kinder zu stellen, um zu stärken und zu schützen – soweit das möglich war. Manchmal mussten wir auch ein Scheitern zulassen, um auf die Lebenswirklichkeit vorzubereiten. Hier mussten wir lernen, uns als Eltern nicht für das Versagen der Kinder verantwortlich zu fühlen, sondern ihnen die Entscheidungen zu überlassen und sie dann beim Tragen der Konsequenzen zu unterstützen. Fallen ist nicht schlimm, solange man nicht liegenbleibt. Beim Aufstehen haben wir immer gerne geholfen. Schwer auszuhalten waren für uns die Zeiten, in denen es nicht voran ging und keine Perspektive in Sicht war. So mussten wir einen Wechsel von einer höheren zu einer niedrigeren Schulform begleiten oder auch unklare körperliche Symptome, die mehrmals einen mehrwöchigen Klinikaufenthalt nötig machten. In diesen Wochen, in denen wir regelmäßig zu Besuchen und Gesprächen in die Kliniken fuhren, waren wir natürlich mit unserer Aufmerksamkeit hauptsächlich bei dem betroffenen Kind und haben die anderen drei ziemlich aus den Augen verloren. Leider! Daraus entwickelten sich Konflikte und Haltungen, die uns dann für lange Zeit begleiteten und die das Verhältnis der Geschwister untereinander negativ beeinflussten. Erst Jahre später, als die ersten Kinder bereits ausgezogen waren, konnten wir miteinander nochmal über diese Zeit sprechen. Wir Eltern haben uns für unser damaliges Verhalten entschuldigt und viel Empathie für die Reaktionen unserer Kinder gezeigt, so dass wir an dieser Stelle Frieden miteinander schließen konnten.
Unser Resümee aus den dann folgenden Teenager-Jahren war: Diese Zeit hat uns gelehrt, was es heißt, bedingungslos zu lieben! Das war eine wirklich anspruchsvolle Lektion für uns, denn als Eltern hatten wir natürlich Erwartungen an die Kinder, was deren Entwicklung, Verhalten und Entscheidungsfindung angeht. Was wir nicht erwarteten, war Dankbarkeit. Wir handelten aus Überzeugung, bester Absicht und weil es einfach unser Job als Eltern war. Größtenteils passten die Entwicklungen unseres Nachwuchses zu unseren Vorstellungen, es gab aber auch Zeiten, in denen wir mit großer Sorge auf das ein oder andere Kind schauten. Dann lernten wir, uns lieber ein Stück von der Zunge abzubeißen, als unsere kritischen Gedanken zu äußern – einfach, weil wir die Beziehung zu unseren Kindern nicht auf‘s Spiel setzen wollten. Wir lernten, Stimmungsschwankungen und Rumgemotze nicht persönlich oder als respektloses Verhalten zu nehmen. Wir lernten, uns nicht einzumischen und die Kinder die natürlichen Konsequenzen ihres Verhaltens tragen zu lassen. Wir lernten zuzulassen, dass in Sackgassen und vor Wände gelaufen wurde und wir erst beim Aufstehen und Richtungswechsel unterstützen durften. Wir lernten, gelassen zu bleiben und das Leben als ein Wechsel von Phasen, die vorübergehen, zu betrachten. Insgesamt lernten wir, die wirklich wichtigen Dinge für uns herauszufiltern, um unsere Aufmerksamkeit und Kraft nur darauf zu fokussieren.
Alle unsere Kinder fühlten sich spätestens mit Abschluss der Schulzeit angetrieben, auf eigenen Füßen zu stehen. Nicht, dass sie froh waren, endlich dem elterlichen Einfluss zu entkommen. Sie waren einfach neugierig auf das Leben und fühlten sich wohl gut gerüstet, den Stürmen der Realität entgegenzutreten. Dem einen gelang es besser, dem anderen schlechter. Wir unterstützen weiterhin dort, wo es gewünscht ist und so, wie es nötig ist: mal finanziell, mal ganz praktisch, mal mit Know-how und mal mit einem guten Gespräch und abschließender Umarmung. Die Tür ins Elternhaus stand und steht immer noch jederzeit offen. Wir sind der Überzeugung, dass es keinen messbaren Zeitpunkt geben kann, zu dem Kinder absolut unabhängig sein müssen. Das Leben hält so manche böse Überraschung bereit, die nur mit Weisheit und Erfahrung gut gemeistert werden kann. Eltern bleiben Eltern und Kinder bleiben Kinder, ein Leben lang. Deshalb stehen wir unseren Kindern jederzeit zur Verfügung. Denn, was macht sonst das Besondere an Familie aus?