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Großeltern werden und immer noch Kind sein

Das Großelternwerden hatten wir in unserer Vorstellung in einer späteren Lebensphase platziert, in der man vielleicht schon in Rente ist und ein eher ruhiges und beschauliches Leben führt.

Doch auch hier wurden wir wieder vom Leben überrascht. Zum einen hatten wir nicht damit gerechnet, dass eine unserer Töchter bereits mit 18 Jahren heiraten und mit 19 Jahren schon Familie gründen würde, und zum anderen waren wir ja inzwischen Pflegefamilie geworden und hatten selbst wieder kleine Kinder im Haus. So wurden wir fast unmerklich von Eltern zu Großeltern. Das passende Gefühl dazu kam allerdings nicht so schnell hinterher. Zu vertraut waren uns noch Baby- und Kleinkindzeit mit unseren eigenen „neuen“ Kindern, als dass das irgendeinen Unterschied machte.

Trotzdem war die Freude groß! Bei den ersten beiden Geburten konnte ich sogar dabei sein. Das waren unglaublich schöne Erlebnisse für sie,vor allem, weil sie eine Geburt endlich mal schmerzfrei erleben durfte. Sehr routiniert konnten wir also der frisch gebackenen Familie mit Rat und vor allem auch Tat zur Seite stehen, was sehr erfüllend für uns war. Erst durch ihren Umzug in eine andere Region Deutschlands wurde der Abstand größer und wir waren nicht mehr so dicht dran an den Enkelkindern. Jeder lebt halt so seinen Alltag mit seinen Herausforderungen, da bleibt oft nicht viel Raum für ausgiebigen Austausch. Aktuell freuen wir uns sehr über jedes Wiedersehen mit der sechsköpfigen Familie.

Parallel dazu gibt es noch unsere Eltern, die sich inzwischen zu Urgroßeltern entwickelt haben. Sie erleben die neue Kindergeneration wieder ganz anders und vergleichen viel mit der Zeit, als ihre Enkelkinder so klein waren. Die Kinderzeit ihrer eigenen Tochter und die eigene Jugend sind ja auch noch präsent. Welch einen Schatz an Erfahrungen haben sie sammeln können! Krasser können die Unterschiede zwischen Generationen wohl nicht sein: sie selbst sind in den letzten Jahren des 2. Weltkriegs geboren und aufgewachsen, haben den Wiederaufbau, das Wirtschaftswunder, die Teilung Deutschlands, den kalten Krieg, die Wiedervereinigung, die rasante technische Entwicklung bis heute und die aktuellen Veränderungen der Gesellschaft hautnah miterlebt und mussten alles irgendwie mitgehen und ins Leben integrieren, wobei die eigenen Erlebnisse der Kriegs- und Nachkriegszeit nie angeschaut, vor Schweigen denn verarbeitet wurden. Erst in den letzten Jahren öffnen sie sich ein Stück und lassen uns erahnen, was sie damals erlebt, erlitten, vermisst und gehofft haben.

Wir sind die Generation, die zwischen diesen beiden Extremen steht. Wir kennen noch das Leben im Offline-Modus, funktionieren aber auch im von Apps gesteuerten Leben von heute. Während wir erwachsen wurden, entwickelten sich gleichzeitig auch die Technologien weiter, die wir dann mit angemessen entwickeltem Verstand gut für uns nutzen konnten. Unsere Kinder gehörten zur ersten Generation von Schulkindern, die zunächst ein Handy und später ein Smartphone ihr Eigen nennen durften. Auch sie durften noch, einigermaßen selbstgesteuert, hineinwachsen in den Umgang mit Computer & Co. Die heutige Generation der Kinder und Heranwachsenden steht vor der ganzen Fülle der Technologien und muss damit klarkommen. Eine der Hauptaufgaben von Eltern heute ist es, dem Nachwuchs Medienkompetenz beizubringen und dabei zu helfen, einen guten Umgang mit den Medien zu erlernen. Was für eine Veränderung! Unseren Eltern wurden die elementaren Dinge, die das Überleben und die nächste Generation sicherten, beigebracht, heute ist es von größter Bedeutung, Fakenews von Wahrheit zu unterscheiden und digitale Kompetenzen in jedem Lebensbereich zu erlernen. Dabei bleiben dann schonmal „analoge“ Kompetenzen wie Hilfsbereitschaft, Kompromissbereitschaft, Kritikfähigkeit und echtes Interesse am Anderen auf der Strecke.

Was macht diese Entwicklung eigentlich mit der älteren Generation? Wir erleben sie oft verständnislos, sprachlos und resigniert durch diese Entwicklungen. Sie vermissen den Zusammenhalt, die Gemeinschaft, die Offenheit und die Unterstützung sowohl im Außen als auch in der Familie. Wenn wir ehrlich sind, haben diese Veränderungen auch vor unserer Familie nicht Halt gemacht. Ein schleichender Prozess zwar, aber unaufhaltsam und wohl auch fortschreitend.

Durch unsere Pflegekinder sind wir herausgefordert, uns wieder mit Schule, Mobbing, sozialen Medien usw. auseinanderzusetzten und einen Plan zu entwickeln, wie wir sie da gut hinführen und ausrüsten können. Das fordert viel Zeit und Kraft, die uns dann woanders eben fehlt – sehr zum Leidwesen unserer Eltern. Als Einzelkinder sind wir natürlich die ersten Ansprechpartner für sie. Nur eben nicht so zuverlässig planbar, wie sie sich das wünschen. Sie versuchen, Verständnis für unsere Situation aufzubringen, doch zwischen den Zeilen und auch oft ganz direkt, spürt man ihnen die Unzufriedenheit darüber an. Lange Zeit hat uns das innerlich zerrissen und wir hatten oft ein schlechtes Gewissen deshalb. Letztendlich haben sie dann aber doch gemerkt, dass wir für sie da sind, wenn es brennt und sie auf uns zählen können. Wir versuchen, feste Termine mit ihnen auszumachen, damit die Besuche nicht im Alltagstrubel vergessen werden. Aktuell begleite ich sie auch öfter zu Arztbesuchen. Vier oder sechs Ohren hören mehr als zwei, wir können die Fragen stellen, die uns relevant erscheinen und Bedenken und Ideen einbringen. Wir empfinden es als eine Gradwanderung zu entscheiden, wie lange die Eltern ihre eigenen Entscheidungen treffen können und wann der Zeitpunkt gekommen ist, ihnen das mehr und mehr abzunehmen. Wir erkennen bei uns eine gewisse Irritation darüber, dass die Eltern nicht mehr so souverän auftreten. Das Treffen von Entscheidungen fällt ihnen schwerer und dauert wesentlich länger und die Bewältigung ihres Alltags füllt sie komplett aus – mehr geht nicht. Alles, was darüber hinaus ansteht, wird zur Herausforderung und zum Kraftakt, von dem sie sich dann erst wieder erholen müssen. Hier müssen wir lernen, Rücksicht zu nehmen, mehr Zeit einzuplanen und Aufgaben an ihre Möglichkeiten anzupassen. Für uns ist das sehr herausfordernd, da wir ein spontanes und vielseitiges Leben führen, in dem starre Routinen eigentlich kleinen Platz haben. Eigentlich. Für die Eltern muss aber Platz sein! Nur so können wir ihnen im Alter ein Stück von der Fürsorge und Zuwendung zurückgeben, die sie uns zu Beginn unseres Lebens geschenkt haben.

Auch wir merken, dass die Kräfte weniger werden. Auch wir überlegen uns inzwischen gut, wofür wir uns noch anstrengen wollen und ob wir Dinge nicht vereinfachen können. Wir fragen schneller nach Hilfe und werden kompromissloser, was unsere Bedürfnisse angeht. Wir ahnen, dass, je älter wir sind, wir mehr und mehr Zeit auf die Gesunderhaltung des Körpers verwenden werden müssen – ein Gedanke, den wir gerne noch wegschieben möchten. Doch mit Blick auf unsere Eltern sehen wir diese Realität auch auf uns zukommen. Auch wir wünschen uns, dann nicht allein klarkommen zu müssen und auf die Unterstützung der Kinder zurückgreifen zu können.

Hier schließt sich dann ein Kreis, in dem die Familie – im wahrsten Sinne des Wortes - eine tragende Rolle spielt. Unserer Erfahrung nach sind es die Beziehungen untereinander, die eine Familie tragfähig machen. Daher ist es unser Ziel, mit allen unseren Kindern im guten Austausch zu bleiben, d.h. wir bleiben interessiert an ihrem Leben, ohne uns einzumischen, bieten unsere Unterstützung, soweit möglich an und halten ihnen immer einen Platz in unserem Leben frei, den sie ausfüllen können oder auch eben nicht. Erzwingen können wir das nicht. Tun sie es dann doch, können wir sehr, sehr dankbar sein!

Es fällt gerade auf, dass hier mehr von den Herausforderungen mit den eigenen Eltern steht, als von uns als Großeltern. Das war eigentlich nicht der Plan! Nur ist es aber gerade so. Wieder befinden wir uns an einer Art Schnittstelle: Während sich unsere Tochter mit ihrer sechsköpfigen Familie über 200 km entfernt von uns sesshaft macht, müssen wir überlegen, wie wir ihrer Großmutter ihr letztes Stück Lebensweg so angenehm wie möglich gestalten können.

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